Kapitel 2: Trauerverläufe und Modelle
Fallstudie Band 1 - Teil 1

Kapitel 1: Die stille Geburt und die Wochen danach

In Kapitel 0: Vor der stillen Geburt wurde die Zeit beschrieben, in der sich Vatersein bereits gebildet hatte, obwohl noch alles nach Schwangerschaft aussah. Kapitel 1 begann dort, wo diese Vorläufigkeit endete. Aus Befunden wurden Entscheidungen, aus Zeit wurde Druck, und aus einem Gedanken an „später“ wurde ein „jetzt“, das der Körper früher verstand als der Kopf. Ich teile hier meine stille Geburt Erfahrungen und was in dieser Phase tatsächlich passierte. Vom ersten Hinweis auf eine schwere Auffälligkeit bis zur stillen Geburt meiner Tochter Katy-Lynn, dem Abschied und den Wochen danach, in denen Funktionieren zunächst trug und dann riss. Ich blieb bei der direkten Linie dieses Kapitels, ohne Ausschmückung und ohne etwas zu glätten, das sich nicht glätten ließ.

Was dich hier erwartet

Dieses Kapitel ist lang. Nicht, weil es dramatischer sein soll, sondern weil solche Tage nicht in ein paar Absätze passen. Du musst es nicht am Stück lesen. Das Inhaltsverzeichnis ist dein Rückweg. Nimm dir nur den Abschnitt, der heute tragfähig ist.

Ich erzähle hier in Ich-Form, wie sich Kapitel 1 körperlich und innerlich angefühlt hat. Vom ersten Befund über die Einleitung bis zur stillen Geburt, dem Abschied und den Wochen danach. Klar, ruhig, ohne Details, die überrollen sollen. Aber auch ohne Dinge klein zu machen, die groß waren.

Was du hier nicht findest

Du findest hier keine Ratschläge, wie man „da durchkommt“. Keine Checklisten, keine schnellen Lösungen, keine Motivation. Und keine Bewertung, wie man sich zu fühlen hat. Ich schreibe nicht, um etwas zu erklären, das man erklären könnte, sondern um dem, was passiert ist, Sprache zu geben.

Wenn du beim Lesen merkst, dass es zu viel wird, ist das kein Zeichen von Schwäche. Dann ist es einfach zu viel für heute. Du darfst hier jederzeit stoppen. Das Kapitel läuft nicht weg.

Kapitel 1.1: Befund und Entscheidung zum Abbruch

Als mein Arbeitstag zu Ende ging, griff ich routiniert nach meinem Handy. Bis dahin hatte ich durchgearbeitet, ohne auf das Display zu sehen. Als der Bildschirm aufleuchtete, bekam der Tag einen feinen Riss. Ich sah eine lange Reihe verpasster Anrufe und Nachrichten. Sie lagen genau in dem Zeitraum der Kontrolluntersuchung, die parallel zu meinem Arbeitstag gewesen war. Noch bevor ich etwas las, spürte ich, dass etwas nicht stimmte. Mein Brustkorb zog sich leicht zusammen, und meine Gedanken fingen an zu kreisen.

Ich rief sofort zurück. Am anderen Ende kam die Information, dass bei meiner ungeborenen Tochter im Kopfbereich eine Blase entdeckt worden war. Dieses Wort blieb hängen wie ein Fremdkörper. Während ich zuhörte, setzte Angst ein. Mein Kopf wurde heiß, und mein Magen fühlte sich leer und zugleich hart an. Die Erklärung lief weiter, aber im Vordergrund stand nur ein Satz. Mit meiner Tochter stimmte etwas Grundlegendes nicht.

Nach dem Telefonat machte ich mich so schnell wie möglich auf den Weg nach Hause. Die Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln verlief äußerlich geordnet. Türen öffneten und schlossen sich, Haltestellen wurden angesagt, Menschen stiegen ein und aus. In mir war bereits nichts mehr geordnet. Meine Hände wurden feucht, und mein Blick blieb an Details hängen. Ich registrierte sie, ohne sie wirklich zu sehen. Mein Körper hielt mich funktional auf dem Sitz. Im Kopf kreiste nur die Frage, wie schwer dieser Befund wirklich war.

Zu Hause sah ich das Ultraschallbild. Der schwarze Fleck im Kopfbereich war deutlich erkennbar. In diesem Moment wurde aus der abstrakten Information ein konkretes Bild. Mein Brustraum wurde eng, und der Atem stockte kurz. Ich hörte, dass weitere Schritte nötig waren. Es sollte ein Termin in einer pränataldiagnostischen Fachpraxis gemacht werden. Die Details glitten an mir vorbei. Vordergründig blieb die Angst um meine Tochter.

Ich suchte Halt bei einer vertrauten Stimme, ging ins Badezimmer, schloss die Tür und rief meinen Vater an. Während ich versuchte zu schildern, was ich verstanden hatte, brach die Fassade zum ersten Mal sichtbar. Meine Stimme wurde brüchig, Tränen liefen, und mein Körper begann zu zittern. Ich stand in einem Raum, der sonst Alltag war. Dort spürte ich zum ersten Mal in dieser Schwere, dass ich meine Tochter vielleicht nicht würde schützen können.

Einige Tage später saß ich in der Praxis eines Pränataldiagnostikers. Der Raum war hell, die Geräte sachlich und vertraut. Als das Gel aufgetragen wurde, bekam die Stille ein eigenes Gewicht. Während der Arzt das Bild beurteilte, ging mein Körper wieder in Alarm. Die Luft fühlte sich dichter an, die Schultern spannten sich, und mein Blick fixierte den Bildschirm. Ich konnte die Details nicht deuten, aber ich hielt mich daran fest.

Nach einer längeren stillen Untersuchung kam die Bestätigung. Die Auffälligkeit war nicht nur vorübergehend. Zusätzlich lagen Fehlbildungen an Händen und Füßen vor. Der Arzt beschrieb eine Zukunft mit Operationen direkt nach der Geburt. Weitere Eingriffe standen als Aussicht im Raum. Es wurde wahrscheinlich, dass meine Tochter die ersten Jahre überwiegend im Krankenhaus verbringen würde. Und es war unklar, ob und wie lange sie überhaupt leben könnte.

Mit dieser Prognose rückte eine Entscheidung nach vorn, die vorher nur theoretisch gewesen war. Der Arzt legte nahe, über einen Abbruch nachzudenken. Er machte deutlich, dass das auch zu diesem Zeitpunkt noch möglich war. Er bat mich, die Entscheidung zeitnah mitzuteilen. In mir fühlte sich das wie ein Einschnitt an. Mein Kopf füllte sich mit Bildern einer Tochter, die leben und leiden würde. Gleichzeitig stand die Vorstellung im Raum, diese Schwangerschaft bewusst zu beenden.

Nach dem Gespräch bewegte ich mich wie durch einen Korridor aus Schock und Verantwortung. Ich dachte an meine Tochter als Person, nicht als Fall. Ich wollte, dass sie lebt. Und ich wollte ihr ein Leben mit anhaltendem, möglicherweise aussichtslosem Leiden ersparen. In mir begann eine Abwägung, die sich nicht sauber in Sätze bringen ließ. Ich rang um eine Haltung, die ihre Würde wahrt, obwohl die Optionen grausam wirkten.

Dabei wurde mir bewusst, dass die körperliche Realität der Schwangerschaft Grenzen setzte. Ich ordnete meine Sehnsucht nach Leben der Frage unter, was ich meiner Tochter zumuten durfte. Der Entschluss entstand nicht in einem einzigen Moment. Er entstand in einer dichten Folge innerer Bewegungen. Am Ende stand eine getragene, klare Entscheidung. Ich entschied mich gegen das Weiterführen der Schwangerschaft. Ich entschied mich für ein Ende in medizinisch begleitetem Rahmen.

Mit dieser gemeinsamen Entscheidung verschob sich die ganze Zeitachse. Aus einem offenen Verlauf wurde eine begrenzte Spanne. Es war klar, dass die Geburt meiner Tochter zugleich Beginn und Ende ihres Lebens sein würde. Von dort führte die Linie direkt in den Tag, an dem die Einleitung begann.

Kapitel 1.2: Arbeitsmorgen und Nachricht aus dem Krankenhaus

Der Tag, an dem die Diagnose in Wirklichkeit überging, begann äußerlich wie ein normaler Arbeitstag. Der Wecker klingelte, und die gleichen Handgriffe liefen ab. Tasche packen, Schlüssel greifen, Haustür schließen. Innerlich lag etwas anderes unter dieser Routine. Die Entscheidung für den Abbruch war gefallen. Die Schwangerschaft war keine offene Zukunft mehr. Sie war eine begrenzte Zeitspanne. In dieser Spanne war klar, dass die Geburt zugleich Beginn und Ende sein würde.

Der Weg zur Arbeit trug noch Spuren von vorher. Ampeln, Straßen, Gebäude blieben vertraut. Ein Teil meines Systems hielt an Bewegung fest. Im Körper war ein gespannter Zwischenzustand. Der Atem war zunächst ruhig, aber die Brust fühlte sich dichter an. Meine Hände folgten den Abläufen, nur etwas schneller als sonst. Innerlich war klar, dass eine Grenze bevorstand. Trotzdem hielt sich vorn ein Satz. Heute ging es zunächst noch zur Arbeit. Das wirkte wie eine letzte Dehnung von Alltag.

In einer kurzen Pause griff ich zum Handy. Es wirkte zunächst unscheinbar. Ein Griff, ein Blick aufs Display. Dann kippte es. Ich sah mehrere verpasste Anrufe und eine neue Nachricht. Das war nicht wie sonst. Kein beiläufiger Hinweis, kein kurzer Gruß. In Sekunden rückte das Telefon in die Mitte. Der Werkstattlärm trat innerlich zurück.

Mein Körper reagierte, bevor ich den Inhalt erfasst hatte. Der Brustkorb zog sich zusammen, der Atem stockte und fand nur flach zurück. Meine Hände fühlten sich kälter an. Gleichzeitig entstand ein Zug nach vorn. Die Herzfrequenz stieg, ohne dass ich mich groß bewegte. Geräusche wirkten gedämpft, als lägen sie hinter Glas. Mein Blick verengte sich auf das Display.

Als ich die Nachricht öffnete, verschob sich der Boden ein weiteres Mal. Krankenhaus, Einleitung, der Prozess hatte begonnen. Es war keine Überlegung, es war eine umgesetzte Tatsache. Der Ablauf war gestartet, ohne dass ich dabei gewesen war. Ich las die Nachricht, und ich las sie erneut. In mir mischten sich Alarm und Leere. Die Glieder fühlten sich schwer und getrieben zugleich an. Die Luft wirkte dichter. Der Weg zur nächsten Tür wurde länger.

Ich schaltete reflexhaft in Funktionieren, meldete mich ab, regelte das Nötigste in wenigen Sätzen und ging. Dabei erklärte ich nicht viel. Worte wären zu langsam gewesen. Alles Weitere waren Bewegungen, die folgen mussten. Arbeitskleidung, persönliche Dinge, der Weg nach draußen. Ich hielt das Handy fester, als wäre es die einzige Verbindung zu dem, was im Krankenhaus bereits lief.

Auf dem Weg zu den öffentlichen Verkehrsmitteln wirkte die Umgebung verändert. Straßen, Haltestellen, Gesichter blieben gleich und fühlten sich fremd an. Mein Blick glitt über vertraute Punkte, ohne Halt zu finden. Ich folgte einer Spur mit plötzlicher Dringlichkeit. Gleichzeitig lag ein Schleier von Unwirklichkeit über der Szene. Es war ein normaler Tag, und doch trug jeder Schritt die Markierung, dass sich nichts mehr zurückdrehen ließ.

In mir tauchten Sätze auf, die keine Antwort hatten. Es hatte schon angefangen. Es war schon etwas passiert. Ich war nicht dabei. Diese Sätze verbanden das Wissen um die Einleitung mit einem Gefühl von Ohnmacht. Schuld und Kontrollverlust standen eng nebeneinander. Mein Nervensystem versuchte zu verstehen und zu funktionieren. Es fand keinen Ort, an dem beides zusammenpasste.

Der Weg zum Krankenhaus wurde zu einem Übergangsstreifen. Mein bisheriger Modus als werdender Vater begann zu bröckeln. Ich hatte noch keine Bilder davon, wie der Tag weitergehen würde. Ich hatte nur die rohe Information, dass ein Prozess lief, der auf ein Ende zulief. Der Moment auf dem Display blieb als Bruchlinie. Ab dort war der Alltag nicht mehr derselbe.

Kapitel 1.3: Ein Prozess, der schon läuft

Als ich das Krankenhaus erreichte, trug jeder Schritt ein anderes Gewicht. Die Türen öffneten sich, und der Geruch nach Desinfektionsmittel schlug mir entgegen. Licht, Stimmen, Bewegung waren da. Nichts davon fühlte sich erreichbar an.

Ich meldete mich an, ließ mir den Weg erklären und ging weiter wie in einem Tunnel. Der Gang zur Station war kurz und zog sich trotzdem. Als ich das Zimmer betrat, lief der Prozess bereits. Das Bett war vorbereitet, die Einleitung war in Gang. Ich kam nicht in einen Raum der Vorbereitung. Ich kam in einen Verlauf, der schon begonnen hatte.

Mein Körper reagierte schneller als mein Denken. Ein Fremdheitsgefühl legte sich über meine Bewegungen. Die Beine trugen mich, aber sie fühlten sich nicht selbstverständlich an. Im Bauch stieg eine flache Übelkeit auf. Sie war weder Hunger noch echte Übelkeit, eher ein diffuser Druck. Meine Hände waren kalt, obwohl es im Zimmer nicht kalt war. Hitze und Kälte wechselten in kurzen Wellen. Der Nacken spannte, der Kopf wirkte schwer. Die Atmung blieb flach. Ein tiefer Atemzug brach schon im Brustkorb ab.

Ich versuchte, äußerlich ruhig zu bleiben. Ich begrüßte das Personal leise, nahm Informationen auf, nickte. Fragen, die innerlich drängten, blieben in der Kehle stecken. Nach außen wirkte ich ansprechbar. Innen entstand ein starker Sog nach hinten, als müsste alles zurückgerollt werden. Ein Teil in mir folgte der Zeitlinie, die mir erklärt wurde. Ein anderer Teil hing an dem Punkt, an dem die Einleitung noch nicht begonnen hatte.

In mir tauchten Bruchstücke auf. Ich bin zu spät. Es ist schon passiert. Ich kann nichts mehr stoppen. Diese Sätze waren keine sauberen Überzeugungen. Sie waren körpernah und hart. Sie verbanden den sichtbaren Ablauf mit dem Gefühl, nicht da gewesen zu sein. Daraus entstand Ohnmacht. Ich merkte, dass mein Dasein im Zimmer den grundlegenden Verlauf nicht mehr verändern konnte. Ich war da und gleichzeitig zu spät.

An dieser Stelle wurde klar, wie sich Kontrolle verschob. Einflussnahme wurde klein, Aushalten wurde groß. Dieser Wechsel prägte ab dort jeden weiteren Schritt.

Kapitel 1.4: Die lange Wartezeit bis zur stillen Geburt

Nachdem die ersten Schritte liefen, verlagerten sich die Abläufe in ein Patientenzimmer. Der Flur wirkte heller, das Licht draußen verlor langsam an Schärfe. Im Zimmer standen zwei Betten, Stuhl, Tisch und Geräte. Türen gingen auf und zu, Stimmen kamen und verschwanden. Untersuchungen, kurze Fragen, knappe Informationen. Dazwischen dehnte sich Zeit. Sie orientierte sich nicht mehr an Uhrzeiten, sondern an Geräuschen im Gang und dem nächsten Öffnen der Tür.

Ich nahm das Zimmer in Bruchstücken wahr. Ein Surren, ein Rascheln, ein Geräusch im Flur. Farben wirkten zugleich zu grell und zu blass. Der Geruch von Desinfektion lag dünn über allem. Der Prozess lief sichtbar. Trotzdem blieb vieles unscharf. Es war ein Raum, in dem etwas unaufhaltsam auf ein Ende zulief. Und ich wusste nicht, wie lange dieser Weg dauern würde.

Mein Körper zeigte früh, dass dieses Warten keine neutrale Pause war. Ich war erschöpft, aber Schlaf kam nicht. Die Glieder fühlten sich schwer an, als läge Blei in ihnen. Gleichzeitig produzierte die Muskulatur feines Zittern. Im Brustkorb saß Druck, der nicht verschwand. Die Atmung blieb flach, als wäre Tiefe gefährlich. Der Mund wurde trocken, Wasser half nur kurz. Wärme- und Kälteschübe wechselten ohne Zusammenhang.

Ich veränderte meine Sitzhaltung in Schleifen. Vorbeugen, zurücklehnen, aufstehen, wieder sitzen. Jeder Wechsel war ein Versuch, Druck zu verlagern. Die Hände suchten Halt am Stuhl oder am Handy. Ab und zu krampften die Finger kurz. Die Augen wurden schwer, schlossen sich Sekunden und waren sofort wieder offen. Schlaf war theoretisch möglich, praktisch nicht erreichbar.

Nach außen blieb ich funktional. Ich stellte Fragen, wenn Personal da war, sprach ruhig, nahm Informationen auf. Sobald die Tür sich schloss, fiel ich zurück ins Warten. Blick zur Uhr, zum Handy, zum Fenster, zur Tür. Ich ging kurze Wege auf den Flur und kam zurück. Manchmal saß ich wie angewurzelt, als dürfte ich den Platz nicht verlassen.

Gedanklich pendelte ich. Ein Teil suchte nach einem Wunder, nach einem Irrtum, nach einer Wendung. Ein anderer Teil wusste um die Diagnose. Beides lag nebeneinander. Sätze tauchten auf und passten nicht zusammen. Vielleicht ist es nicht so schlimm. Es gibt keinen Weg zurück. Vielleicht hat sich jemand geirrt. Am Ende geht es nur noch um Abschied.

Diese Sätze ergaben keine stabile Geschichte. Sie flackerten. Mit jeder Stunde verlor die Wunder-Vorstellung an Kraft. Und sie blieb trotzdem als Rest stehen. Der Körper reagierte mit weiterer Erschöpfung. Kopfschmerz kam, die Augen brannten, als wäre ich seit Tagen wach. Minuten fühlten sich wie Abschnitte an, und trotzdem war auf der Uhr weniger Zeit vergangen, als mein Inneres meinte.

Aus dem Tag wurde eine Nacht im Zimmer. Die Station wurde leiser. Draußen lief das Leben weiter, Menschen gingen schlafen, planten den nächsten Tag. Im Zimmer gab es keinen natürlichen Übergang. Es gab nur die Bewegung hin zu einer Geburt, die zugleich Ende sein würde.

Mit den Stunden verschob sich der Fokus. Fragen wurden weniger, Aushalten wurde mehr. Ein Teil in mir blieb wach, als könnte Wachheit etwas bewirken. Ein anderer Teil zog sich zurück. Gefühle lagen wie hinter Glas. Sätze brachen durch und erschreckten mich. Ich kann nichts mehr stoppen. Es ist zu spät, um etwas zu ändern. Ich bin nur noch Zuschauer.

Es gab keinen lauten Moment, der alles sprengte. Die Wahrnehmung zog sich in die Länge. Jedes Öffnen der Tür, jede kurze Information setzte sich wie eine Schicht auf mein Erleben. Die Wartezeit wurde zu einem eigenen Abschnitt. Äußerlich war alles verzögert. Innerlich war ich längst weit fortgeschritten.

Kapitel 1.5: Der Weg in den Kreißsaal

Als ich am nächsten Morgen nach einer Zigarette durch den Flur ging, kam mir eine Krankenschwester entgegen. Sie sagte, ich solle in den Kreißsaal gehen, weil die Geburt unmittelbar bevorstand. Der Satz war sachlich. In dem Moment kippte der Tag von Vorbereitung in Ereigniszeit.

Noch bevor der Inhalt vollständig nachrückte, reagierte mein Körper. Im Hals zog sich etwas zusammen, als würde Luft weniger werden. Die Beine wurden schwer. Geräusche rückten in den Hintergrund. Innen sackte etwas ab, als wäre der Boden kurz weicher geworden. Die Atmung blieb flach. Mein Blick suchte Halt an Details, an Türrahmen, Boden, Handlauf.

Trotzdem ging ich los. Schritt für Schritt. Ohne Eile, ohne sichtbaren Widerstand. Der Gang wirkte länger als sonst. Ich stellte keine Fragen. Im Kreißsaal suchte ich den nächstliegenden Platz und setzte mich an den Rand des Betts.

Ich blieb im Modus des Funktionierens. Ich hörte zu, ich blieb ansprechbar, ich positionierte mich so, dass ich nicht im Weg war. Gleichzeitig lag ein leiser Impuls im Hintergrund, den Raum zu verlassen. Vorrang hatte Mitgehen. Ich suchte keinen Konflikt. Ich blieb im Ablauf.

In mir wurde ein Satz nüchtern klar. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Kurz darauf formte sich eine zweite Wahrheit. Der kommende Schritt war nicht nur medizinisch. Er war Abschied. Der Weg in den Kreißsaal war der Weg in eine Zeit, in der Geburt und Ende miteinander verschränkt sein würden.

Kapitel 1.6: Die stille Geburt

Im Kreißsaal wirkte zunächst vieles regelhaft. Monitore, Schritte, kurze Anweisungen, routinierte Handgriffe. Für einen Moment fühlte es sich an, als folge alles einer bekannten Dramaturgie. Vorbereitung, Anspannung, dann Geburt. Ich nahm die Abläufe im Hintergrund wahr. Im Vordergrund stand ein Zeichen, das in mir fest verankert war. Der erste Schrei meiner Tochter.

Als der Körper meines Kindes zur Welt kam, spannte sich in mir alles nach vorn. In meinem inneren Bild musste jetzt Luft hörbar in einen neuen Körper strömen. Stattdessen entstand ein Loch. Der Schrei blieb aus. Das Team wurde leiser, nicht lauter. Für mich rissen die Geräusche ab. Es war, als hätte jemand eine Tür zugeschlagen, die nur ich hörte. Was eben noch nach Geburt klang, kippte in eine Stille, die nicht passte.

Mein Körper reagierte schneller als der Verstand. Im ersten Augenblick stand alles still. Schockstarre. Der Atem stockte. Die Brust wurde hart, der Hals eng. Die Hände fühlten sich an, als gehörten sie nicht zu mir. Gleichzeitig verengte sich die Wahrnehmung radikal. Alles, was nicht der Körper meiner Tochter war, rutschte an den Rand. Farben, Stimmen, Bewegungen verloren Kontur. Ich sah nur noch dieses kleine Bündel.

In dieser Starre lag ein Doppelgefühl. Ein Teil wartete auf ein Zucken, einen Laut, ein Zeichen. Ein anderer Teil hielt jede Bewegung zurück. Ich saß wie festgenagelt. Blick und Körper waren fixiert. Der Rest des Raumes verschwamm.

Meine Hand suchte Halt an der Bettkante. Die Finger spürten Stoff, ohne dass daraus sofort ein klares Bild wurde. Mein Blick klebte am Gesicht, am Brustkorb, am Bauch, auf der stummen Suche nach Bewegung. Als diese Zeichen ausblieben und die Bewegungen der Fachpersonen eine andere Richtung nahmen, brach der erste Schrei nicht im Raum, sondern in mir auf. Tränen kamen abrupt. Die Muskulatur verlor kurz ihre Ordnung. Weinen trat an die Stelle des Baby-Schreis.

Mit den Tränen verschob sich meine innere Sprache. Zuerst als Gefühl, dann als Satz. Sie ist da und doch nicht. Dieser Satz wiederholte sich, ohne dass ich ihn sagen musste. Gleichzeitig tauchte ein zweiter Satz auf. Das darf nicht wahr sein. Beide Sätze stießen aufeinander. Ich sah mein Kind. Und ich erlebte, dass alles unwiderruflich verloren war. Innen versuchte ich, die Realität abzuweisen, die sich trotzdem durchsetzte.

In diesem Moment spaltete sich Zeit. Noch im Kreißsaal zeichneten sich zwei Linien. Auf der einen lag vorher. Schwangerschaft, Name, Pläne, innere Rituale. Auf der anderen lag danach. Ein Leben ohne meine Tochter. Die Szene wurde zur Kante. Nicht als langsame Verschiebung, sondern als Schnitt.

Kapitel 1.7: Abschied im Kreißsaal

Nach der ersten Welle wurde es stiller. Meine Tochter lag eingewickelt im Körbchen neben dem Bett. Nach und nach zog sich das Team zurück. Stimmen verschwanden, der Raum wurde leer. Als die Tür hinter dem letzten Schritt schloss, wurde aus dem medizinischen Ort ein Abschiedsraum.

Mein Körper blieb in hoher Anspannung. Die Hände zitterten, obwohl ich sie ruhig halten wollte. Tränen kamen in Wellen. Dazwischen gab es Starrheit, in der jede Bewegung zu viel gewesen wäre. Dann kam wieder Zuwendung. Ich beugte mich zum Körbchen, meine Hand suchte Kontakt. Die Kälte ihrer kleinen Hand prägte sich tief ein.

Ich pendelte zwischen Festgenageltsein und Berühren. Meine Finger strichen über die Decke, tasteten Konturen, suchten Nähe. Worte kamen leise. Es waren einfache Sätze, keine langen Erklärungen. Ein Teil von mir wollte sie küssen. Ein anderer Teil hielt zurück, weil Kälte und Endgültigkeit jedes spontane Handeln hemmten. Ich sagte Liebesworte, fast formelhaft, als müssten sie den fehlenden Atem ersetzen.

Mit der Zeit verdichteten sich Sätze in mir. Ich bin Vater und verliere sie im selben Moment. Dieser Satz war keine Pose. Er war die Unvereinbarkeit zweier Rollen, die gleichzeitig aufbrachen. Kurz darauf blieb ein weiterer Satz. Ich liebe dich. Daraus entstand eine innere Linie zu ihr, obwohl sie nicht antworten konnte. In dieser Stunde begann eine Beziehung, die nicht mehr über Zukunft, sondern über inneren Kontakt lief.

Kapitel 1.8: Alleine im leeren Zimmer

Als ich zurück ins Stationszimmer ging, wurde der Rückweg still. Äußerlich war der Flur vertraut. Innerlich war er nicht wiederzuerkennen. Wenige Sätze, kurze Handgriffe, dann war ich wieder im Zimmer. Dort warteten Bett, Schrank und eine Decke, die nichts mehr bedeckte. Ich war nach dem Ereignis zurück in einem Raum, der äußerlich normal war.

In meinem Körper breitete sich Leere aus. Der Brustraum fühlte sich hohl an. Ein Frieren setzte ein, das nicht von der Temperatur kam. Die Haut fühlte sich zu dünn an. Der Magen trug eine flache Übelkeit, die weder in Hunger noch in Erbrechen kippte. Die Beine trugen mich, aber sie waren müde, als hätte der Tag zu viele Stunden.

Ich setzte mich und stand wieder auf. Die Bewegungen waren langsam und zugleich mechanisch. Mein Blick wanderte zur Decke und zum leeren Bett, als müsste dort etwas erscheinen. Ich ging ein paar Schritte, öffnete eine Tasche, ordnete Dinge, schloss sie wieder. Diese Handlungen folgten keiner Planung. Sie waren Beschäftigung, damit die Leere nicht ganz in mich hineinrutschte.

In mir entstanden Sätze, die den Verlust benannten, ohne ihn fassen zu können. Hier fehlt jemand. Gerade war sie noch da. Diese Sätze standen nebeneinander. Es entstand Taubheit. Gefühle waren da und doch wie hinter Glas. Tränen kamen manchmal, aber sie flossen nicht frei. Zeit verlor Kontur. Minuten wurden lang, und auf der Uhr war kaum etwas vergangen.

Kapitel 1.9: Gehalten werden und brechen dürfen

Ich erfuhr, dass zwei Angehörige unterwegs waren. Ich sollte in die Eingangshalle kommen. Der Weg dorthin fühlte sich an wie ein Auftrag, den ich erfüllen musste. Auf dem Weg zum Fahrstuhl wurde alles wie Kulisse. Pflegekräfte, Türen, Wagen, Stimmen. Mein Fokus verengte sich auf die Fahrstuhltür.

In der Kabine zog mein Körper an. Die Luft wurde dicht, der Brustkorb eng. Das Herz schlug schnell und hart. Im Kopf entstand Druck. Ich sah Spiegel, Metall, Anzeige, alles vertraut. Und doch war es, als stünde ich neben mir. Ich hielt den Blick auf den Türen, als läge alles in dem Moment, in dem sie sich unten öffneten.

In der Eingangshalle mischten sich Geräusche. Schritte, Stimmen, eine automatische Tür. Dann sah ich die zwei vertrauten Gesichter. In mir verschob sich etwas. Die Enge blieb, aber ein zweiter Impuls kam dazu. Ich ging hin, bevor ich bewusst entschied.

In der Umarmung brach die Spannung nicht langsam. Sie brach über eine Kante. Meine Knie wurden weich, mein Oberkörper sank, der Atem kam stoßweise. Ich weinte. Worte kamen nicht. Wir setzten uns, beide dicht an meiner Seite. Tränen kamen in Wellen. Dazwischen war nur Herzklopfen und Druck.

In mir entstand unbewusst ein Satz. Jemand sieht, was passiert ist. Dieser Satz machte nichts rückgängig. Aber er brach die totale Alleinheit. Gleichzeitig blieb eine zweite Wahrheit. Ich bin nicht allein, aber nichts wird dadurch rückgängig. Die Last wurde nicht kleiner. Aber sie lag für einen Moment nicht mehr nur in meinem Körper.

Kapitel 1.10: Erstes sekundäres Trauma

Zurück auf dem Zimmer klopfte es an der Tür. Eine enge Bezugsperson trat ein, ein kleines Kind an der Hand. In der anderen Hand war eine Geschenktüte, aus der etwas herausragte, das eher zu einem glücklichen Anlass passte. Ich war körperlich erschöpft. Die Leere lag noch in Brust und Bauch.

Dann kam ein Satz, der wie eine Glückwunschformel klang. Die Worte passten nicht zu dem, was im Kreißsaal geschehen war. In der Sekunde schoss Hitze in meinen Körper. Sie begann im Brustkorb, stieg in den Kopf, machte die Ohren warm. Der Puls zog an, der Kiefer schloss sich fester, das Gesicht wurde hart.

Gleichzeitig fror ein Teil von mir ein. Das Kind saß inzwischen auf dem Bett und berührte die Decke, ahnungslos. Seine Anwesenheit hielt mich davon ab, die Reaktion nach außen zu tragen. Ich sah kurz zum Kind und wieder zurück. Hitze und Starre lagen nebeneinander. Meine Hände blieben ruhig auf den Oberschenkeln, obwohl in mir ein Impuls war, das Gesagte zu stoppen.

In mir formte sich Wut. Ich wollte den Satz zurückweisen, die Symbolik des Geschenks abwehren, den Raum benennen, in dem ich war. Worte kamen nicht. Stattdessen unterdrückte ich mich. Ich gab kurze, funktionale Antworten. Nach außen lief es ruhig. Innen traf ich eine Entscheidung. Ich würde zur Arbeit fahren, obwohl mein Körper nach Ruhe schrie. Das war kein Heldentum. Es war Selbstschutz.

In mir stand ein Satz. Mein Verlust wird weggeredet. Danach ein weiterer. Hier versteht niemand, was gerade passiert ist. Diese Sätze verstärkten Isolation. Der Besuch, der Halt bringen könnte, machte den Verlust heller, als er war. Und genau dadurch wurde er schwerer.

Kapitel 1.11: Funktionieren im Nebel

Als ich in die Werkhalle zurückkehrte, war sie vertraut und fremd zugleich. Geräusche, Gerüche, die üblichen Abläufe. Meine Kollegen wussten bereits Bescheid. Die Nachricht war da gewesen, bevor ich wieder dort stand. Ich hatte angekündigt, später zu kommen, daran erinnerte ich mich nur bruchstückhaft. Beim Betreten gab es Blicke, Nicken, kaum Worte. Die Stimmung war zurückhaltend.

Noch bevor ich arbeitete, ging ich mit einem Kollegen vor die Tür. Er hatte in den Tagen zuvor viel zugehört. Wir standen nebeneinander, Zigaretten zwischen den Fingern. In mir lag Müdigkeit, die nicht von Arbeit kam. Schultern zogen nach unten, Muskeln waren kraftlos und zugleich gespannt. Der Kopf fühlte sich an wie in Watte. Alles war klar sichtbar, aber nicht verbunden.

Der Kollege sagte, ich solle mir um Arbeit keine Gedanken machen. Alles sei organisiert, niemand erwarte Leistung. Danach bekam ich eine einfache Aufgabe. Rückleuchten einbauen, keine Zeit. Ich öffnete den Kofferraum, nahm Werkzeug, löste Schrauben, setzte Teile ein. Meine Hände wussten, was sie tun. Gleichzeitig fühlte es sich an, als würde ich mich von außen beobachten.

In mir liefen zwei Sätze parallel. Hier erwartet niemand etwas Großes von mir. Und zugleich: Ich arbeite, und trotzdem ist alles anders. Die Halle hielt meinen Tagesablauf. Innerlich war ich noch im Krankenhaus. Die Hände funktionierten, der Bezugspunkt blieb bei meiner Tochter.

Kapitel 1.12: Entscheidungen im Ausnahmezustand

Später folgten Tage, in denen organisiert werden musste, ohne dass ich eine klare innere Chronologie hatte. Ich wusste, dass der Bestatter in der Wohnung war. Ich erinnerte mich an Gesprächsfetzen, Formulare, aber die Worte waren kaum greifbar. Es war wie ein Bild ohne Ton. Es war klar, dass über Sarg, Ablauf und Rahmen gesprochen wurde. Wie genau Entscheidungen fielen, blieb unscharf.

Einzelne Bilder waren dagegen deutlich. Meine Schwester und mein damaliger Schwager saßen mit mir zusammen, als der Grabstein gestaltet wurde. Mein Schwager brachte sein handwerkliches Wissen ein, entwarf die Form, die später mit einer CNC-Fräse umgesetzt wurde. Der Grabstein wurde so ein Familienprojekt. Gleichzeitig erzeugte es Distanz, weil mein Inneres noch am Kreißsaal hing.

Mein Vater baute den Sarg für meine Tochter. Dieses Bild war präsent. Dass er das tat, verband Nähe mit einer Realität, die kaum auszuhalten war. Ich wusste, dass er vor Ort war. Ich sah den gebauten Sarg. Wie er schließlich zum Bestatter kam, entzog sich meiner Erinnerung vollständig. Der Weg des Sarges blieb leer, als wäre dieser Abschnitt aus meinem inneren Film herausgeschnitten.

Diese Lücken wurden später selbst ein Merkmal. Fixpunkte ragten heraus. Der Bestatter. Der Grabsteinentwurf. Der Sarg. Dazwischen verschwamm vieles. Es war nicht Gleichgültigkeit. Es war Ausnahmezustand. Was emotional dicht war, blieb. Was im Funktionsmodus ablief, blieb bruchstückhaft.

Kapitel 1.13: Tragen wollen und zusammenbrechen

Am Tag der Beerdigung stand ich in einem kleinen Kreis von Angehörigen. Meine Mutter war auf meinen Wunsch hin nicht da. Ich wollte nicht, dass sie mich so erlebt. Ich saß in der ersten Reihe. Neben dem Pult stand der kleine Sarg auf einem roten Tuch, direkt auf dem Boden. Der Pfarrer sprach. Seine Stimme legte sich über den Raum, ohne die Schwere in meinem Körper zu verringern.

Während der Zeremonie spannte sich mein System immer weiter an. Schultern hoch, Nacken blockiert. Druck in der Brust, flacher Atem, eher oben als im Bauch. Tränen standen mir in den Augen, kamen aber nicht. Hände wurden feucht. Beine wurden schwer und unsicher, als sei jeder Schritt zu viel.

Als wir die Kapelle verließen, ging ich hinter dem Sarg her. In mir war ein starker Impuls, ihn selbst zu tragen. Ich fühlte mich als Vater verantwortlich, meldete mich aber nicht sondern blieb still und ordnete mich dem Ablauf unter. Nach außen wirkte ich gefasst. Innen tobte der Konflikt zwischen Präsenz und der Angst, zusammenzufallen.

An der Grabstelle wurde der Sarg hinabgelassen. Die Worte des Pfarrers kamen nur wie durch eine Wand. Als der Sarg im Erdloch verschwand, brach die gehaltene Spannung. Mein Körper gab den Widerstand auf. Ich weinte heftig, wie zuvor im Krankenhaus. Tränen ließen sich nicht mehr zurückhalten. Jemand nahm mich in den Arm, eine zweite Person stellte sich dazu. Wir standen zu dritt am Rand des Grabes, während mein Weinen meinen ganzen Körper erfasste.

In mir liefen Sätze durcheinander. Sie soll mich nicht so sehen, und zugleich: Ich muss das alleine schaffen. Dazu das Bild, den Sarg zu tragen, und der beschämende Satz: Ein Vater müsste das tun. Am Grab kam ein Satz dazu, der alles scharf machte. Jetzt ist sie wirklich weg. Dieser Satz unterlief jeden Schutz durch Funktionieren.

Was danach kam, verschwamm. Ich wusste später, dass wir noch zusammen aßen. Innerlich brach mein Erleben am Grab ab. Der Abschied war ein Verdichtungsmoment. Danach zog sich etwas zurück.

Kapitel 1.14: Wenn Funktionieren nicht mehr funktioniert

In den Wochen nach der Beerdigung wirkte ich nach außen stabil. Ich stand auf, fuhr zur Arbeit, erledigte Aufgaben. Innerlich rechnete ich fast täglich mit einem Zusammenbruch. Ich spürte, dass er kommen würde, ohne erklären zu können, warum. Rückblickend lag diese Erwartung etwa vier Wochen in mir.

Körperlich blieb ein erhöhter Grundstress. Schlaf war flach. Morgens war ich schwer und zugleich unruhig. Auf der Arbeit bemerkte ich Unsicherheit in den Händen. Konzentration war eingeschränkt. Gedanken sprangen. Der Blick verwischte bei einfachen Handgriffen. Kleine Fehler entstanden.

Mit der Zeit wurden sie größer. Bei einer Arbeit an der Front eines Fahrzeugs baute ich einen Kotflügel ein. Als ich einen Schritt zurücktrat, sah ich eine deutliche Delle. Ich konnte nicht sagen, wann sie entstanden war. In mir fuhr etwas hoch. Puls schneller, Schwindel, Schultern hoch. Scham und Selbstvorwürfe kamen. Der Satz war hart: Ich bekomme nicht einmal mehr das Einfachste hin. Das war die Grenze.

Ich ging zum Arzt und schilderte, was seit der stillen Geburt geschehen war. Verlust, Beerdigung, das Weggleiten im Alltag, das Neben-mir-Stehen. Der Arzt reagierte ohne Zögern. Ich wurde zunächst zwei Wochen krankgeschrieben und bekam ein Antidepressivum. Die Tage verschwammen. Struktur war äußerlich da. Innerlich wurde vieles grau und leer. Die Erinnerung war bruchstückhaft. Deutlich blieb, dass Alkohol abends regelmäßiger wurde, mal wenig, mal deutlich mehr.

An einem Abend brach es. Ich war stark alkoholisiert. Der Körper war warm und schwer. Der Kopf war zugleich übervoll und benebelt. Eine Person aus meinem engsten Umfeld war verzweifelt, weil sie keinen Zugang mehr fand. Sie rief meinen damaligen besten Freund an. Auch ihm öffnete ich mich nicht. Worte prallten ab. Alles war zu laut, zu nah, zu viel. In mir zog sich etwas zurück. Ich weinte, war überfordert, und meine Gedanken glitten in Richtung Tod.

Ich ging ins Bad. Meine Bewegungen waren fahrig und zugleich zielgerichtet. Ich nahm eine Rasierklinge und setzte sie am Unterarm an. Die Haut ging auf, Blut trat hervor. Zuerst war da ein scharfes Brennen. Dann kam Schwindel und Zittern. Die Handlung brach ab. Der Gedanke, wirklich zu sterben, stand als Drohung im Raum. In diesem Moment führte ich ihn nicht aus.

Als jemand ins Bad kam, sah die Person das Blut und versorgte meinen Arm. Ich ließ es zu, ohne viel zu sprechen. Äußerlich stellte es Ruhe her. Innerlich blieb die Erschütterung. Kurz darauf verließ ich die Wohnung und ging zum Grab meiner Tochter. Es war dunkel, die Luft kühl. Ich setzte mich ans Grab, eine Flasche Bier in der Hand. Mein Körper schwankte leicht. Tränen und Wut lagen eng beieinander.

Am Grab richtete sich meine Wut an Gott. In mir formten sich Sätze wie: Warum tust du mir das an. Und: Wenn ich irgendwann sterbe, schick mich lieber in die Hölle, sonst. Das waren keine theologischen Gedanken. Das war der Versuch, dem Schmerz eine Adresse zu geben. Ich war erschöpft und überdreht zugleich. Meine Hände umklammerten die Flasche. Mein Blick blieb am Grab, zwischendurch verschwamm alles.

Danach wurde die Erinnerung wieder bruchstückhaft. Ich wusste, dass ich irgendwann den Friedhof verließ und die Nacht überstand. Wie genau, kann ich nicht sagen. Greifbar blieb die Verdichtung am Grab. Alkohol, Trauer, Todesnähe und Zorn führten mich über die Belastungsgrenze.

Kapitel 1.15: Wenn Arbeit keine Haltestange mehr ist

Nach dieser Nacht lief die Krankschreibung aus. An dem Morgen, an dem ich wieder in die Werkstatt hätte fahren müssen, blieb ich im Bett. Die Tage davor waren stumpf ineinandergeflossen. Jetzt stand ich nicht mehr auf. Der Weg zur Arbeit rutschte in eine ferne, unwichtige Zone.

Der Rückzug fühlte sich somatisch an wie bleierne Müdigkeit und Leere zugleich. Der Körper war schwer, als läge etwas auf meiner Brust. Der Blick blieb lange an einem Punkt hängen. Geräusche aus der Wohnung, Nachrichten, Uhrzeiten verloren Kontur. Es gab keinen Impuls mehr, mich zu organisieren.

Ich stellte keinen Wecker, zog mich nicht um, fuhr nicht los. Auf Nachfragen reagierte ich knapp. Als jemand vorsichtig sagte, es wäre Zeit, wieder zu arbeiten, antwortete ich nüchtern: Sie könnten mich auch rauswerfen, es sei mir egal. Dieser Satz markierte, dass mein früheres Funktionsselbst keinen Zugriff mehr hatte.

Einige Tage später lag ein Brief vom Arbeitgeber im Briefkasten. Ich öffnete ihn nicht. Der Umschlag wanderte beiseite. Erst eine andere Person riss ihn auf und sagte, was drinstand: Kündigung. In mir löste das keinen sichtbaren Widerstand aus. Kein Protest. Kein Erklären. Eher ein weiteres Nachgeben. Gedanken bewegten sich Richtung: Es war absehbar. Ich schaffe das sowieso nicht mehr.

Arbeit war lange Kompetenz, Struktur, Identität gewesen. Mit der Kündigung brach auch dieser Bereich weg. Nach der stillen Geburt meiner Tochter verlor ich nun auch die Rolle, in der ich mich sicher gefühlt hatte. Mein System reagierte mit weiterem Rückzug und innerem Aufgeben. Der Boden unter mir wurde noch dünner.

Kapitel 1.16: Zweites sekundäres Trauma

An einem Vormittag saß ich auf dem Balkon. Ich rauchte, mein Körper war schwer, Zeit hatte keine Kontur. Seit der Kündigung gab es keinen verlässlichen Tagesrahmen mehr. Es war Schweben zwischen Innen und Außen.

Durch die offene Balkontür nahm ich wahr, wie eine enge Bezugsperson aus dem familiären Umfeld meiner Tochter ankam. Es kam eine kurze Frage nach der Arbeit. Ich antwortete knapp, dass ich gekündigt wurde. Dann sah ich ein Augenverdrehen, das sich wie eine zusätzliche Schicht auf mein erschöpftes System legte.

Kurz darauf drang aus dem Wohnzimmer ein abwertender, aggressiv aufgeladener Satz über mich nach außen. In mir zogen sich Brust und Bauch zusammen. Das Herz schlug schneller, der Kiefer spannte. Gleichzeitig erstarrte etwas, als würde eine innere Grenze endgültig überschritten sein. Es entstand kein Impuls zur Gegenrede. Es entstand nur der Entschluss zu gehen.

Ich rauchte die Zigarette zu Ende, stand auf und ging schweigend zu meiner Tasche. Wortlos begann ich zu packen. Die Entscheidung war kein Plan. Sie war Selbstschutz. Für meinen Schmerz war in dieser Umgebung kein Platz. Ich verließ die Wohnung und fuhr mit dem Zug zu meiner Herkunftsfamilie.

Was in Kapitel 1 zerbrach

Wenn ich auf diese Zeit zurückblickte, erkannte ich, dass sich das Trauma in Schichten eingeschrieben hatte. Es war nicht nur der Moment im Kreißsaal. Es war die Kette aus Befund, Entscheidung, Einleitung, Wartezeit, Geburt, Abschied, Beerdigung und dem, was danach in mir weiterlief. Schritt für Schritt wurde sichtbar, dass nicht nur ein Kind gestorben war. Es brach eine Ordnung, die in mir bereits real gewesen war.

Auf der Körperebene war der Verlauf vom akuten Schock bis zur Erschöpfung spürbar. Enge in Brust und Hals, Zittern, Übelkeit, Frieren, Taubheit. Dazu der Wechsel zwischen Übererregung und Untererregung. Mein Körper reagierte schneller als meine Gedanken. Auch dort, wo ich nach außen funktionierte, blieb innen Spannung. Ich fand nicht zurück in einen sicheren Zustand.

Parallel blieb die Bindung zu Katy-Lynn auf eine Weise lebendig, die keine äußere Form mehr hatte. In der Stunde am Körbchen, beim Blick auf den Sarg, am Grab und in der Nacht auf dem Friedhof wurde deutlich, dass Beziehung nicht endet, nur weil der Körper eines Kindes nicht mehr lebt. Sie verschob sich nach innen. Die innere Anrede, das Benennen, das Weinen am Grab und auch mein Zorn waren Ausdruck dieser Bindung. Sie suchte Halt, obwohl es keinen gemeinsamen Alltag mehr gab.

Auf der Ebene der Identität brach ein Selbstbild, das längst mehr war als Hoffnung. Ich hatte mich als Vater erlebt, Verantwortung übernommen, Entscheidungen getragen. Mit der stillen Geburt verlor diese Rolle nicht nur im Außen ihren Platz. Sie verlor auch im Inneren ihren Halt. In den Wochen danach zeigten sich Schuld, Ohnmacht, Selbstabwertung und das Gefühl, neben mir zu stehen. Die Szene in der Werkstatt, die Fehler, die Krankschreibung, Alkohol, die Selbstverletzung, der Abend am Grab und später die Kündigung waren keine losen Krisen. Sie waren Ausdruck einer Identität, die keinen tragfähigen Rahmen mehr für den eigenen Schmerz fand. Und die sich zugleich nicht gehalten erlebte.

Kapitel 1 machte damit eine Linie sichtbar. Die stille Geburt war nicht nur ein Ereignis. Sie war der Beginn einer Überforderung, in der Körperrhythmus, Bindung und Selbstbild gleichzeitig ins Rutschen gerieten. Und in diese primäre Linie fielen bereits erste sekundäre Verletzungen aus dem Umfeld. Nicht als Hauptthema, aber als klare Marker, dass der Verlust nicht nur in mir geschah. Er geschah auch in der Art, wie er im Außen aufgenommen oder übergangen wurde.

Kapitel 1 endete damit nicht in einem Abschluss. Es endete in einem Befund. Etwas war unwiderruflich passiert. Und mein System suchte noch nach einer Form, es zu tragen.

Fallstudie

Dieser Text ist Teil meiner fortlaufenden Fallstudie nach stiller Geburt. Er gehört zu Fallstudie Band 1, Teil 1, Kapitel 1 und beschreibt den Weg vom Befund und der Entscheidung bis zur Einleitung, zur stillen Geburt, zum Abschied und zu den ersten Wochen danach – in klarer, ruhiger Sprache.

Mehr dazu im Gesamtbogen: Fallstudie Band 1 · Teil 1.

FAQ – Kapitel 1: Die stille Geburt und die Wochen danach

Knappe Antworten: Worum es in Kapitel 1 geht – und warum die ersten Wochen danach oft genauso prägend sind wie der Tag selbst.

Kapitel 1 beschreibt meinen Weg vom Befund und der Entscheidung bis zur Einleitung, zur stillen Geburt, zum Abschied und zu den ersten Wochen danach. Es zeigt, wie sich dieser Zeitraum in Körper, Bindung und Alltag eingeschrieben hat.

Es ist meine persönliche Erfahrung. Ich beschreibe, wie es bei mir ablief, ohne dir vorzuschreiben, wie du fühlen oder handeln solltest. Du kannst beim Lesen jederzeit dein eigenes Tempo setzen.

Ja. Kapitel 1 führt bis in den Kreißsaal und beschreibt die stille Geburt selbst und den Abschied danach. Ich bleibe dabei bei klarer Sprache und lasse unnötige Details weg, die überrollen könnten.

Weil das Ereignis nicht endet, wenn man die Klinik verlässt. In den Wochen danach zeigen sich oft Funktionieren, Erschöpfung, Erinnerungslücken, Rückzug, Überforderung und erste Brüche im Alltag. Kapitel 1 beschreibt diese Phase als Teil derselben Linie.

Weil Warten hier keine Pause ist, sondern ein Aushalten ohne Einfluss. In meinem Erleben wurde die Wartezeit selbst zu einer Belastungsschicht: Müdigkeit ohne Schlaf, Druck im Brustkorb, Unruhe und das Gefühl, dass etwas Unaufhaltsames näher rückt.

In Kapitel 1 wird Abschied als Realität im Raum sichtbar: das Kind sehen, berühren, da sein und gleichzeitig begreifen, dass es keinen gemeinsamen Alltag geben wird. Diese Gleichzeitigkeit ist für viele schwer in Worte zu fassen.

Weil Funktionieren oft Schutz ist. In meinem Verlauf gab es Phasen, in denen ich äußerlich weitergemacht habe, während innerlich alles neben mir lief. Kapitel 1 zeigt, wie diese Schutzform kippen kann, wenn der Druck zu groß wird.

Das sind Momente, in denen Reaktionen des Umfelds zusätzlich weh getan haben, weil sie den Verlust nicht tragen konnten. Kapitel 1 markiert solche Stellen kurz als Hinweise, ohne sie zum Hauptthema zu machen.

Dann gilt: Dosis vor Tempo. Ein Abschnitt darf reichen. Pausen gehören dazu. Wenn dein Körper Alarm macht, ist das kein Scheitern, sondern Aktivierung. Du darfst jederzeit stoppen und später wieder einsteigen.

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